Andreas Krištof
Extrem laut und unglaublich nah

Anlass des vorliegenden, kurzen Essays über Herbert Brandls künstlerische Arbeit ist seine Ausstellung mit dem bezeichnenden Titel "Schräg bis Vertikal - Eine Ausstellung im Perspektivenwechsel", die in der neu errichteten, privaten Ausstellungs- und Konzerthalle arlberg1800 in St. Christoph am Arlberg läuft. Mit Herbert Brandl holte sich Hotelier und Kulturproduzent Florian Werner einen der avanciertesten und arriviertesten Vertreter der gegenwärtigen österreichischen und internationalen Malerei für die Bespielung der Kunsthalle. Der Künstler wiederum entwickelte für diese ein spezifisches Setting von Arbeiten, das sich mit der Darstellung von Gebirgslandschaften beschäftigt und dabei die räumlichen Möglichkeiten von arlberg1800 auslotet.

Als stets impulsiv, abstrakt und doch konkret wird der Schaffensprozess Herbert Brandls beschrieben. Seine bekannten Landschaftsbilder zeigen meist dramatische Naturereignisse, die zwischen unglaublicher Nähe und großer Distanz changieren. Der Künstler geht dabei von seinen, in einem Archiv gesammelten, fotografischen Erinnerungen aus und schafft es, darauf aufbauend den Eindruck von unmittelbaren, selbst erlebten Ereignissen in das Medium der Malerei zu übertragen. Sehen und Wahrnehmen stehen für Herbert Brandl dabei in einem dauernden Dialog und bedingen das Wechselspiel von Abstraktion und Gegenständlichkeit. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die großflächige Form der Farbfeldmalerei, die immer noch eine räumliche Dimension besitzt, diese aber zugunsten der Farbfläche in den Hintergrund treten lässt.

Jonathan Safran Foers Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ beschreibt vielleicht - im Sinne einer literarischen Gleichung - am anschaulichsten, aus welcher Perspektive Herbert Brandl seine Arbeiten entstehen lässt, und welche Wirkung diese auf die Betrachter_in entfalten. Der Roman erzählt die Geschichte des 10jährigen Oskar Schnell, der sich auf die Spurensuche nach seinem, durch den Anschlag auf das World Trade Center in New York ums Leben gekommenen Vater begibt. Es ist das Porträt eines durch den 11. September traumatisierten Kindes und seiner Familie, vor allem aber ist es die Perspektive eines kleinen Jungen die die Stadt New York zu einem beinahe magischen Ort werden lässt. In Anlehnung an Günter Grass’ Blechtrommel durchstreift Oskar seine Heimatstadt bewaffnet mit einem Musikinstrument (Tambourin). Im Unterschied zu Günter Grass’ Oskar entzieht sich Foers Oskar nicht verzweifelt der Erwachsenenwelt, sondern versucht mit dieser ihm fremden Welt zu kommunizieren und sie für sich dadurch verständlicher zu machen.

Herbert Brandls malerische Arbeit stellt in Analogie dazu den Versuch dar, die unmittelbare Umgebung in ihrer elementaren Erscheinung intensiv wahrzunehmen und malerisch darzustellen. Dabei verschwinden die mit dem Erwachsensein verbundenen, etablierten Relationen. Herbert Brandl produziert Perspektiven, die einem eine atemlose Nähe genauso suggerieren, wie sie eine große Lautstärke in der Dimension der Gemälde und der Motive entstehen lassen. In beiden Fällen sind es Extreme von unglaublicher Stärke und Emotionalität, die aus der Welt der Kinderperspektive entlehnt sein könnten. Herbert Brandl ist nun kein Kind, aber das Potential Distanzlosigkeit und Dimensionsverschiebung herzustellen, verweisen darauf, dass sich der Künstler bestimmte Eigenschaften des Kindseins erhalten und sie als Instrumente für seine künstlerische Arbeit kultiviert und weiterentwickelt hat.

In der Ausstellung entfalten die drei Ölgemälde aus den Jahren 2007, 2008 und 2011 diese Wirkung, die durch die ungewöhnlichen Dimensionen der Ausstellungshalle betont wird, und die es Herbert Brandl ermöglicht, die Arbeiten erstmals in ihrer ursprünglich konzipierten Form als Hochformate zu zeigen. Die eigenwillige Proportion dieses Raums, der eine sehr schmale Breite im Verhältnis zur enormen Höhe und Länge aufweist, lässt die Besucher_innen die Gemälde unmittelbar, nah erleben und verstärkt die den Gemälden inhärente Form einer landschaftlichen Innenperspektive, die auf dem Weg ist, sich zu einer abstrakten, malerischen Struktur aufzulösen – in Schräge und Vertikalität.

Andreas Krištof, Ausstellung "Schräg bis Vertikal", arlberg1800 Contemporary Art, St. Anton am Arlberg, 2016