Margareta Sandhofer
Herbert Brandl

Zuerst dachte Herbert Brandl an einen Koralpen-Blues:
Sieben blaue Bilder der Koraple, bevölkert von Hyänen. Nach einem neuerlichen Aufenthalt in dieser Region entstanden zwar blaue Bergbilder, dann aber auch grüne – und ohne dem archaischen Getier. Der Prozess des Malens hat Herbert Brandl auf eine andere Bahn geführt. Auch er selbst sah nicht voraus, zu welchem Erscheinungsbild sich die Serie entwickeln würde. Seine Kunst entfaltet sich direkt auf der Leinwand, ist niemals voraussagbar. Und das ist nur eines der faszinierenden Geheimnisse von Brandls Malerei.
Seiner Heimat, der steirischen Koralpe, ist dieser jüngste Zyklus gewidmet, der vertrauten Umgebung und Spielstätte seiner Kindheit und Jugend, Ort der Zuflucht und Erholung, Quelle kindlicher Phantasien und Inspiration großer malerischer Werke. In den letzten Jahren wird die natürliche Vielfalt der Koralpe empfindlich gestört, sukzessive wird sie dem Tourismus, der Industrialisierung und vor allem aber der Energiegewinnung geopfert. In dem ehemaligen Landschaftsschutzgebiet wird ein gigantisches Pumpspeicherkraftwerk errichtet. Zwei enorme Stauseen, eine Vielzahl riesiger Masten, Zufahrten und notwendige Zubauten werden das naturgegebenen Landschaftsbild erheblich verändern, das Berginnere wird ausgehöhlt um das größte Kraftwerk Österreichs zu beherbergen. Herbert Brandl trauert über das nicht mehr aufhaltsame Schicksal der heimatlichen Region, dem uralten Gebiet, dem er sich so sehr verbunden fühlt – und schafft emphatische Bekenntnisse in leuchtenden Farben.

Er male nur im hohen Sommer in diesem Blauton, einem strahlenden Ultramarin, meinte Herbert Brandl bei einem Atelierbesuch. Die ersten drei Bilder der Koralpen-Reihe hielt er ausschließlich in diesem ungetrübten Blau, das seit Jahrhunderten aufgrund seiner suggestiven Kraft das Geistige in der Kunst verkörpert. Es galt in der christlichen Symbolik als die himmlische Farbe, die unbegrenzte Ferne und Tiefe assoziieren lässt und Göttliches mit Irdischem verbindet. Schon die reine Verwendung des Ultramarin überhöht den Bergrücken auf Brandls Gemälde, verstärkt durch die ungewisse Markierung der Silhouette. Die vage Angabe lässt die Resonanz des Farbklanges bedeutsam schwingen. Es könnte genauso eine Linie auf blauem Grund sein, pure Abstraktion; eine einzige Linie ergibt einen Horizont, einen Bergrücken. Herbert Brandl porträtierte nicht das Aussehen der Koralpe, er malte nicht den Blick auf die sanften Berggrate von seinem Elternhaus aus oder aus ein paar Kilometern Entfernung, er malte die Sicht auf die Koralpe von seinem Atelier im 23. Wiener Bezirk. Er malte ein Bild der Koralpe, das er als Wesenhaftes in sich trägt. Das Substanzielle ist die Weite. Die Leere dieser Weite wird mit Gedanken gefüllt. In einem anderen Gemälde wird Unendlichkeit mit einer Dichte an Schichtungen suggeriert. Sich überlagernde Kaskaden von rinnenden Lasuren in Ultramarin holen den Faktor der Zeit in das Bild, vergegenwärtigen schillernd die Malerei als performatives Geschehen. Gleich Schleiern der Zeit verhüllen sie die Erinnerung, die sie der Kenntlichkeit entziehen und entrücken.
In der entschiedenen Reduktion auf einen einzigen Farbton und exakt gesetzten Pinselstrichen klingt ein Nachhall von Brandls intensiver Beschäftigung mit der chinesischen Pinselzeichnung an. Die weiß grundierte Leinwand bleibt an manchen Stellen frei belassen stehen, verleiht den Eindruck einer spirituellen Leichtigkeit. Mit einem vehementen markanten Pinselzug hat sich unversehens über dem abstrakten Gefüge der mögliche Berggipfel eingestellt, ein Ereignis, das für Herbert Brandl das Gemälde vollendet. Nicht das gegenständliche Motiv hat sich zur Malerei entmaterialisiert, sondern umgekehrt, der Malprozess hat sich gleichsam aktiviert und zum erkennbaren Bergmassiv formatiert. Ausgangspunkt und Endpunkt sind keine trennbaren Kriterien, sondern verschlungen zur Entität des Bildes.

In dem Fluidum der Farbmassen lässt sich die Landschaft oft nicht rekonstruieren. Es ist nicht entscheidbar, ob Wasserbild, Bergbild, von Sonnenlicht gefluteter Waldbach, körperhaftes Luftgemenge oder abstraktes Farbgefüge. Inhalte werden offenbar und verbergen sich zugleich, werden als Teil der inneren Grammatik eingegliedert. Tiefenschichtungen werden aufgebaut und wieder aufgehoben. Dem illusionistischen Eindruck wird durch die Materie der Farbe entgegengewirkt. Aufgesetzte pastose Markierungen, Rinnspuren und Farbspritzer, oszillierend zwischen achtloser Spur der Arbeit und willentlicher Entscheidung, führen das Gemälde zurück auf seine Objekthaftigkeit. Die konkrete Bildidee sinkt zurück in der irrealen Evolution der Bildfindung bis zum Verschwinden in der Komplexität der Bildstruktur. Die Wechselwirkung von Abstraktion und Landschaft ist entscheidend, das Verhältnis ist so anarchistisch wie der Werkprozess, wie die nicht lineare und daher nicht absehbare Entwicklung eines Zyklus, einer Werkgruppe oder Brandls Malerei überhaupt.

Einst zeichnete Herbert Brandls Vater für seinen kleinen Sohn das Matterhorn an die Wand des Stiegenhauses. Der vielleicht vierjährige Bub fügte eine kleine Figur hinzu, ein Strichmännchen, ein kindliches Zeichen, wohl auch stellvertretend für ihn selbst. Die ikonische Berggestalt des Matterhorn prägte das Kind und lässt eine spezifische psychologische Situation immer wiederkehren. Sie hält Brandl bis heute in ihrem Bann, der abweisend aufragende Gipfel ist kontinuierlich Anregung zu einer Vielzahl von Gemälden. Mag aus der Fernsicht das Gemälde mit dem felsigen Gipfel der stolzen Eigenwilligkeit der spröden spitzen Form kristalline Präsenz verleihen, beim Nähertreten verliert sich die materielle Substanz des Gegenständlichen in der Materie der Farbe. Die Gegensätzlichkeiten fordern und steigern sich gegenseitig und reizen das betrachtende Auge zu einem rastlosen Zustand irritierter Faszination.
Der Zyklus der Bergbilder musste durchbrochen werden, in Anbetracht der abverlangten Stringenz ein Akt der Befreiung. Parallel entstanden abstrakte Bilder in leuchtenden bunten Farben. Die räumliche Illusion von Farbschichtungen wird mit der Farbrolle verdichtet und verwischt, und zurück in die Zweidimensionalität getrieben. Darüber gesetzte Pinselstriche heben sich markant ab, sie tanzen flirrend auf der Fläche gleich materialisierter Energie. Farbe und Licht haben sich verselbständigt, ballen sich zu Strömen in emphatischer Dynamik und wirbeln ineinander zu einem ekstatischen Farbinferno, das in unausweichlicher Unmittelbarkeit aus dem Bildinneren nach vorne bricht.

Die Bergbilder und die abstrakten Farbentladungen stellen keinen Widerspruch dar, verdeutlichen sie doch die Pole, die als komplementäre Gegensätzlichkeiten die schillernde Symbiose im Werk Herbert Brandls eingehen, das in der Ambivalenz der Schwebe zwischen Motivandeutung und Material erlebt und nicht entziffert werden soll. Sie gründet in der Prozessualität des Malakts, der in einer dialektisch verwobenen Situation zwischen dem Künstler Herbert Brandl und der Farbe entsteht. Aktion, Reflexion und Reaktion, Emotion und geistige Gegenwärtigkeit sind eines, schließen Dynamik und Kontemplation gleichermaßen mit ein. Nicht ein expressionistischer oder aktionistischer Habitus, sondern ein Zustand extremer Konzentration setzt den Bild bestimmenden Impuls. Er quillt aus einem Moment der Spannung, wenn die aufgeladene Situation sich entäußert, die Energie in Gesten der Farbe transzendiert und sich in Linien, Bahnen und Flächen auf die Leinwand überträgt.
Größe und Zügigkeit der Geste hinterlassen weder ein detailliertes Motiv noch eine identifizierbare Handschrift – unbeeinträchtigt steht sie autark auf der Leinwand. Und doch ist sie Fragment, immer verweisend auf den Prozess des Malens. Als wesenhaftes fragmentarisches Phänomen ist Brandls Geste Metapher, Teil einer nicht abgeschlossenen Geschichte, schwingend zwischen Gegensätzlichkeiten in einem Raum der Ambiguität, Konzentrat einer Diskontinuität. Unmittelbar erzählt sie von einer Verletzlichkeit, von der Ausgesetztheit des Malers vor dem Malakt. Es ist eine existenzialistische Narration, die uns in der Malerei Herbert Brandls begegnet.

Margareta Sandhofer, "Herbert Brandl", in: "Sommerschnee", Katalog zur Ausstellung Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Snoek Verlag, Köln 2016