Ulrich Loock
Nähe/Ferne

Mit der Malerei kann Herbert Brandl etwas machen, was es sonst nicht gibt. Mit der Malerei kann er am Ort des Bildes verschiedene Distanzen zu ein und derselben Sache einnehmen und miteinander in Verbindung setzen.
Denys Zacharopoulos sagt: "Brandl bringt die zwei größten Metaphysiken der Malerei, die ich kenne, miteinander ins Spiel und bricht ihre Geschlossenheit. Auf der einen Seite gibt es die Metaphysik des Mikrokosmos - Seurat. Man sieht die Wirklichkeit so nah, dass man jeden Punkt sieht. Man kommt der Welt näher als seiner BrilIe. Auf der anderen Seite findet sich Yves Klein, bei dem alles blau ist. Die Welt ist blau. "Die Malerei ist die einzigartige Praxis, die es ermöglicht, die Unvereinbarkeit aufzulösen, die eine Distanz von der anderen trennt. Brandl formuliert die Bruchlinien zwischen analytischer Wissenschaft und umfassender Spiritualität, von denen Zacharopoulos spricht, als die Differenz zwischen der Materialität und Berührbarkeit einer Sache, ihrer zeitlichen und räumlichen Unmittelbarkeit, und ihrem Übergang in die Existenzform eines Bildes.
Das Bild rückt die Dinge in die Ferne, bietet den großen Überblick und einen umfassenden Zusammenhang der Dinge, es ist der Bereich der Visualität und entkörperlicht, was es zu sehen gibt - für Guy Debord ist das Bild eine Steigerungsform des Warencharakters der Dinge, deren Tauschwert ersetzt wird durch das Spektakel imaginärer Befriedigung. Brandls Bilder lassen die Frage erkennen, wie die Ferne der Dinge zu überwinden ist, wie es möglich ist, sich die Dinge nahe zu bringen und mit ihnen umzugehen. Dahin geht das Begehren seine Ferne macht etwas zum Gegenstand eines Begehrens nach dessen Nähe. Doch das heißt auch, dass die Ferne nicht zu überbrücken, nicht zu löschen ist.
Die Ferne der Dinge muss gewahrt bleiben, sie muss noch gesteigert werden, denn sonst verliert ihre Nähe an Anziehungskraft. Nur aus der größten Ferne lohnt es sich, eine Nähe zu realisieren. So wendet sich Brandl solchen Dingen zu, die noch keinen Prozess der Verarbeitung durchlaufen haben, sondern schon bestehen, gewachsen oder entstanden sind, Dingen der Natur. Es sind solche Dinge, die von sich selber her möglichst unbestimmt und unerreichbar sind, im räumlichen und zeitlichen Sinn, nämlich die höchsten Berge, Landschaften zwischen Wasser und Land, zwischen Helligkeit und Dunkelheit, ein Wasserfall, Wind, Nebel.
Es sind unfassliche Orte, zu denen sich hingezogen fühlt, wem der gesellschaftlich und lebenspraktisch zugewiesene Ort nicht genügt, Orte der Ekstase, an denen schwer zu beschreibende Stimmungen und Empfindungen des Subjekts ihren Widerhall finden.Die Nähe von Dingen und Orten, die Brandl sucht, ist nicht dieselbe Nähe, mit der sich die Waren der Konsumgesellschaft aufdrängen, es ist eine Nähe, die jener opponiert.
Es ist eine andere Nähe, die aber unweigerlich - das impliziert die Opposition - bedingt ist durch die unerwünschte Verfügbarkeit von allem zu jeder Zeit. Brandl sagt mit Blick auf die Berge, die er malt: "Wenn es in meinem Leben keine persönliche Bedeutung hätte, würde ich es wahrscheinlich nicht mit solcher Scheu angehen. Es kommt aus einer namenlosen Empfindung, einem Empfindungsraum heraus. Es ist in meiner eigenen Geschichte verankert, es ist die Malerei, die ich als Kind kennen gelernt habe. "Das Begehren nach der Nähe der Dinge ist in seiner Erinnerung fundiert, und die Erinnerung führt ihn in eine vergangene Zeit und an einen verlorenen Ort. Damit ist diese selbst, die erstrebte Nähe, ebenso wie die Ferne mit ihrer Unerreichbarkeit imprägniert. Andererseits aber, in nochmaliger Komplizierung der Bedingungen, mit denen Brandl sich konfrontiert sieht, kann er nicht darüber hinwegsehen,dass die höchsten Bergeund die unzugänglichsten Landschaftenschon längst in massenhaft reproduzierten Bildern ihre industrielle Verwertung erfahren haben.
Er trägt ihrer Austauschbarkeit Rechnung, indem er Abbildungen aus Kalendern und Bergsteigermagazinen als Vorlage für seine Malerei verwendet (jedoch auch eigene Fotos, wie jene, die er in den Auenwäldern in der Nähe von Wien gemacht hat). Mit der Opposition gegen die universelle Verfügbarkeit der Waren (aufgedrängte Nähe) wird seine Malerei auch den touristischen Fetischen der Ferne zu opponieren haben. Die Suche nach einer Verbindung von Nähe und Ferne reagiert auf die Effizienz von deren warenförmiger Aneignung, die kein romantisches Projekt der Hingabe an das Numinose, der Auflösung des Subjekts in der Empfindung umfassender und ungreifbarer Natur mehr zulässt.
Nähe und Ferne, als Natur und Erinnerung unerreichbar und zugleich omnipräsent in Form von Waren und Bildern, kommen überein, bedingen und motivieren einander. Es kann für BrandI daher nicht um eine Aufhebung ihrer Differenz gehen, sondern nur darum, sie derart miteinander ins Spiel zu bringen, dass sie zugleich jeweilige Steigerung erfahren. Die Nähe erfährt ihre Bestimmung durch die Ferne und die Ferne erfährt ihre Bestimmung durch die Nähe.