Robert Fleck
Eine zentrale Position der Malerei

Der Bildraum ist sehr groß.
Er wirkt noch größer als das bereits an sich überdimensionale Bild, das die Wand größtenteils bedeckt, er scheint unendlich zu sein in der flächigen Ausdehnung, die das Bild bestimmt. Im ersten Augenblick nimmt man ein intensives Leuchten wahr, reine Farbe meist in einem einzigen bestimmenden Ton, dem bisweilen ein sanfter Dialog mit einem anderen, verwandten Farbton beigeordnet ist, doch bleibt immer der eine, intensive Farbklang dominant.
Beim zweiten Hinsehen erweist sich das Bild als extrem dynamisch. Der BiIdaufbau, die sichtbar gebliebenen Pinselstriche und die Spuren des Farbverrinnens verlaufen offensichtlich nach keinem vorherbestimmten Plan. Sie scheinen im Detail anarchisch, auch wenn ein großer, vorherrschender Zug in eine Richtung (oben/unten, links/rechts usw.) das Bild aufbaut und ihm Halt verleiht. Beim dritten Blick hat sich das Auge etwas an die ungewöhnliche visuelle Erfahrung gewöhnt, die mit den Sichtbarkeiten im AIItagsbereich kaum etwas teilt. Nun lässt sich die Realität, die das Gemälde vor dem Auge ausbreitet, bereits etwas differenzieren.
Das BiId ist letzten Endes vollständig auf dem Gegensatz, ja einem heftigen Konflikt zwischen Licht und Farbe aufgebaut. Teils ist das bei Herbert Brandl zwischen dem Weiß der Leinwand und den Buntfarben der Fall, teils auch durch den Kampf von Bunt und Weißfarben auf der gleichen Leinwand, wie in den Gras- und Algenbildern seit 2005.
Dieser Streit potenziert auf Brandls Bildern der 2000er Jahre die Intensität beider Kontrahenten, der Farbe wie des Lichts, und verleiht ihnen eine frische Energie, die ohne künstliche Farbsetzungen und ohne spektakuläre Kontraste auskommt. Im selben Maß wird, sobald das Auge sich auf diese intensiven Farb- und Lichtflächen eingestellt hat, erkennbar, dass ihre Formensprache sich an einem schmalen Grat ansiedelt, an dem bisweilen abstrakte, spontan gezogene Linienmuster und Flächenverbindungen als Inhalt des Bildes erscheinen, während im nächsten Augenblick wieder ein durchaus figuraler Anlass, der von großer Einfachheit gekennzeichnet ist, evident wird, um sich aber gleich wieder in das Erlebnis des ungegenständlichen Bildes hinein aufzulösen.
So etwas wie eine grasbewachsene Fläche, so etwas wie sich bewegende Algen unter Wasser, so etwas wie einen teiIs wolkenverhangenen Berg, so etwas wie einen Sonnenunter- oder Sonnenaufgang meint das Auge wahrzunehmen, doch gewinnen die abstrakten Bildwerte sogleich wieder Oberhand. Das alles wird ohne Effekte und in einer Natürlichkeit vorgetragen, die die große Qualität von Brandls Werk besonders in den 2000er Jahren darstellt. Beides hat damit zu tun, dass es sich in technischer Hinsicht um klassische Ölmalerei handelt, die auf die künstlichen Wirkungen des Acryls und der synthetischen Farben verzichtet, während andererseits ein kurzer, sich an zuvor gesehene fotografische Bilder bloß erinnernder Malvorgang für die notwendige Dynamik und Entschiedenheit der Bildstruktur sorgt.
Die aktuelle Malerei von Herbert Brandl ist ein wichtiger Beitrag zu einer zentralen Fragestellung der Kunst dieser Jahre, nämlich zu den Möglichkeiten der Ablösung vom vergangenen Jahrhundert und seinen ästhetischen Normen. Herbert Brandl war schon zu Beginn seines Werkes auffallend unabhängig von den Strömungen des Zeitgeistes und der damit einhergehenden formalen Hauptwege gewesen.
Die frühen Bilder sind zumeist dicke Farbkörper, in denen - was die Bildmotive betrifft - unzählige Farbschichten teils abstrakter, teils figurativer Formensprache einander überlagern und einander auslöschen, während die unterschiedlichen Farben durchaus punktuell durchscheinen und an einzelnen Stellen durchbrechen. Dadurch entsteht ein Bildkonstrukt ungewöhnlicher Art, das in chromatischer Hinsicht überaus innovativ ist und zugleich in verhaltener Weise energiegeladen erscheint. In einer letzten Schicht hatte Herbert Brandl damals mögliche figurale Restbestände übermalt, in durchaus pragmatischer Absicht, um keiner Diskussion über formale Innovationen Anlass zu geben. Mit diesen Bildern eroberte er sich einen wichtigen Platz in der jungen aktuellen Kunst der 1980er Jahre, ob der Frische und der ästhetischen Ungebundenheit seiner Malerei, die an der Renaissance des Mediums nach der Kunstperiode 1965/80 partizipierte, als die von Minimal und Concept Art geprägte Ästhetik noch eine Hegemonie ausübte.
Herbert BrandIs Malerei der 1980er Jahre wurde zum einen als ein sehr eigenständiger Beitrag zur Wiederentdeckung der Buntfarben in der Malerei und ihrem experimentellen Einsatz rezipiert, den er mit den wichtigsten Malern der älteren und seiner eigenen Generation in diesem Zeitraum teilte.
Zum anderen aber hielt sich Herbert Brandl, trotz seiner ab 1985 exponierten Stellung in der aktuellen Malerei (mit der Beteiligung bei der "Nouvelle Biennale de Paris", 1985, und der von Ulrich Loock organisierten Ausstellung "Hacken im Eis", 1986), in auffallender Weise und geradezu exemplarisch von der dominierenden künstlerischen Debatte dieser Jahre fern, nämlich der Diskussion um die Postmoderne bzw. um die Fragestellung des Umgangs mit dem formalen Vokabular der Moderne als der prägenden Kunstform des 20. Jahrhunderts.
Die Debatte über den Umgang mit dem formalen Vokabular der Moderne stellte, rückblickend gesehen, das große durchgängige Paradigma nicht nur der 1980er Jahre dar, sondern wirkte auch tief in die 1990er Jahre hinein, mit der Renaissance der Concept Art und dem Interesse für die anti-formalistischen Stränge in der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Ausläufer dieser Frage nach dem Umgang mit dem Vokabular der Moderne wirkten in die 2000er Jahre mitprägend nach.