Jan Hoet
Malerei als Epiphanie

"Ich richte meine Augen auf die Berge", lesen wir in Psalm 121 aus dem Buch der Psalmen. Schon seit den frühesten Zeiten haben die Berge eine große Anziehung auf die Menschheit ausgeübt.
Dank seiner Erfahrungen mit dem faszinierenden Mont-Ventoux Gebirge trat Petrarca aus dem dunklen Mittelalter heraus und läutete die Renaissance ein. Und aus welchem anderen Grunde wohl war Cezanne so vom Montagne Saint Victoire berührt als aus der psychischen Bewunderung für dessen Rätselhaftigkeit und aus der Notwendigkeit heraus, das Berg-Sein als eine Antwort auf den Impressionismus zu definieren, die er teilte, auch wenn sie ihn nicht gänzlich zu überzeugen vermochte. Auch manche Gedichte von Rilke, seinerseits ein großer Bewunderer von Cezanne und seinem Montagne Saint Victoire, sind den Bergen gewidmet. So schrieb er über deren "Dunkelheit" und "Unendlichkeit", oder dachte er vielleicht zurück an Caspar David Friedrichs Interesse an der Allmacht der Natur mit ihren herrlichen Panoramen, die dem Endlichen den Schein der Unendlichkeit verleihen?
Auch für Per Kirkeby ist die Natur die ultimative Inspirationsquelle, obgIeich er ihre Wahrhaftigkeit vorzugsweise im Inneren der Gebirge mit ihren Grotten und Höhlen wiederfindet, doch der Nachdruck liegt auf der Pikturalität, wobei die Farbe formbestimmend ist.
Ein ähnliches Interesse an der Natur und dem Pikturalen finden wir auch schon sehr früh im Werk von Herbert Brandl. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an meinen ersten Besuch, gemeinsam mit Pakesch aus Wien, im Atelier von Brandl in unmittelbarer Nahe von Graz zu Beginn der achtziger Jahre. Damals schon zeigte sich seine Faszination für die Malerei, um aus seinen visuellen Erfahrungen und seiner landschaftlichen Umgebung heraus neue Möglichkeiten der pikturalen Qualitäten auszutesten und abzutasten. Damals schon zeigte sich in dieser Arbeit ein vitaler Ansatz und ein Gefühl der Freiheit, aus einer Demut heraus und einer Willensäußerung, den Mittelweg zu finden zwischen der Wahrnehmung der Naturerscheinungen einerseits - von Wolken, blauen Himmeln, den Unebenheiten der Erde, Regen und Wind - und der Umsetzung in abstrahierende Wirklichkeiten andererseits.
Ich habe immer noch dieses an einer Bergflanke gelegene Atelier vor Augen sowie Brandl, der dann all seine Werke außerhalb seines Ateliers in einer sonnigen Landschaft ausstellte. Im Vergleich zu den jüngeren Werken im Österreichischen Pavillon bei der Biennale in Venedig hatten sie seinerzeit noch, wie mir scheint, einen mühsameren, materielleren Charakter und die Farbe war krustiger lind pastoser aufgetragen. Es waren auch kleinere Formate als die heutigen Werke. Letztere gehen viel mehr den Dialog mit dem musealen Raum ein und beherrschen diesen auch viel stärker. Sie beeindrucken in der Tat durch ihr Format, vor allem aber auch durch die Generosität der malerischen Gebärden bei gänzlichem Respekt und einer Wahrung der Anforderungen der Bildfläche, sodass die perspektivischen Eigenschaften der Gebirge zu einem frontalen und zweidimensionalen Körper zurückgeführt werden können, genau wie ein Cello in einem Ensemble. Sie sind zudem konzeptuell viel durchdachter.
Es handelt sich jeweiIs um Variationen zu Brandls Wahrnehmungen im Hochgebirge mit seinen drohenden und teils schneebedeckten Berggipfeln, Tälern und kahlen, abgelegenen Bergseen. Denn Herbert Brandl geht zwar von fotografischen Dokumenten und Fotos aus, hinterlässt bei uns aber den Eindruck, als seien es Konfrontationen mit konkreten Erlebnissen. Auch der Betrachter fühlt sich durch die breiten Pinselstriche und die delikaten Schichtungen in der Tonalität der Farbmischungen gänzlich aufgenommen, um hinaufzublicken bis zu dem Augenblick, in dem sein Auge den Himmel und die Wolkendecke erreicht oder mitten in die majestätische Offenbarung eines neu zu entdeckenden landschaftlichen Abenteuers eindringt. Obschon wir alle wissen, was Berge sind und wie Berge uns verführen können.
Doch Brandl begreift, dass es um Kunst geht und dass das Kunstwerk unserem Wissen von den Dingen und von der Welt stets etwas hinzufügt.
Durch das Werk muss er uns als Betrachter von der Notwendigkeit überzeugen können, die Malerei erneut in Frage zu stellen und somit das Betrachten . des Gemäldes zu einer neuen Dimension emporzuheben. Dies ist ihm in dem Maße gelungen, wie wir als Betrachter nicht zum "Wieder-Erkennen" gezwungen werden, sondern zu innehaltender Stille, Verwunderung und Ekstase.
Es geht bei Brandl somit nicht um das Malen von Bergen um der Malerei willen als Metapher für die Identifizierung mit der Malerei und der Körperlichkeit des MaIens. Herbert Brandl verstärkt vielmehr die Metapher durch seinen figurativen Inhalt in Kombination mit seinen überwiegend monochromen Abstraktionen oder - mit anderen Worten - durch eine Verschmelzung von Natur und Künstler zu einem überzeugend mysteriösen Ganzen, das gegebenenfalls mit Hilfe einer Kamera oder technischen Intervention in eine überraschende und expressive Pikturalität umgesetzt wird.
Sowohl in seiner monumentalen Breite als auch in der Höhe ist jedes Gemälde eine Einladung zu einer ästhetisch und körperlich zu erfahrenden Reflexion über Berge und deren Berg-Sein, über die Malerei und deren Bedeutung als Spiegel, nicht als Fenster.

Jan Hoet, Deichtorhallen Hamburg, Köln, Katalog, p-14-15