Peter Pakesch
Bedeutung auslöschen und erzeugen

Die Bedeutung auslöschen und Bedeutung erzeugen. Die Verzweiflung an der Malerei. Das Elend der vertriebenen Farbe. Die Flecken im Bewusstsein. Das Schmieren. Ein wichtiger Beitrag zur heutigen Malerei besteht aus Widersprüchen. Diese Widersprüche sind auch der Mut derer, die gegen die Malerei anmalen. Eigentlich sollte es keine Malerei mehr geben. Und es gibt sie. Es gibt sie in verschiedenen Formen.
Nicht nur als unreflektierte Sentimentalität, sondern auch als Kampfansage an ein Vertrauen in die Bilder und die Konstrukte, die sie hervorbringen/ die ihnen unterlegt werden. Herbert Brandl gehört zu den Kämpferischen. Er ist angetreten, sich das Malen zurückzuerobern, und verlor bei dieser Eroberung sukzessive das Terrain. Philopathisches Durchforschen des Landes der Bilder, einem Abenteurer gleich, der sich in den Weiten des Eises oder der Wüste behauptet und verliert.
Es gibt heute Maler, die sich an dem orientieren, was gewiss ist. Nach den Wechselbädern und mit den Erfahrungen neuer Methoden wird eine neue Welt geschaffen; damit einher geht eine Rekonstruktion der Malerei als System. Es gibt aber auch Maler, die solchem weiterhin misstrauen. Herbert Brandl tut das. Seine Wahrnehmung, meint man, sei verbrannt. Es handelt sich dabei um eine Verbrennung, die hilft, dass ein überreiztes Sensorium Erfahrungen so umsetzen kann, dass Bilder hinter den Bildern entstehen.
Schatten, die einen, Nachbilder, die anderen.
Der Gegenstand dieser Malerei ist die Malerei, ihre Wahrnehmung und Reflexion, ihre Auslöschung und Auferstehung in einer andern Welt. Sie verhält sich zur katholisch-bilderfreudigen, jedoch auch naiven, Tradition der Welt, aus der sie kommt. Anton Maulpertsch und Richard Gerstl sind hier Vorfahren. Der eine war mit seinen Ekstasen etwas spät und am entlegenen Ort. Der andere hatte zuwenig Zeit und keine Freunde, die für seine Malerei eingestanden wären.
Brandl kann den Weg gehen und tut das mit einer seltsamen Unbeirrtheit. Heißt Autonomie, Bilder herzustellen, die für sich funktionieren und eine eigene Wirklichkeit haben? Ist das nicht Notwehr in der Zeit der Bilderflut? Diese Verdichtung, bei gleichzeitiger Auslöschung, hat nichts von der Bescheidung der Reduktion. Es geht nicht um Reinigung. Das Sublime wird nicht gesucht. Es ist der Nachschmerz, das, was man spürt, wenn man auf dieselbe Wunde zum wieder- holten Mal einschlägt. Das katholische Erbe ist nicht weit weg. Die Erkenntnis will erlitten werden. Die Meditation erfolgt in Verwirrung. Hat nicht auch Wittgenstein sich selbst gequält. Die Praxis dazu als Flagellation. Um auf das Zitat von vorhin zurückzukommen. Diese Praxis hat dann etwas Beiläufiges, fast schon Leichtes. Das ist das notwendige Resultat der Qual, nachdem die eigene Vernunft und der eigene Körper so radikal zur Disposition gestellt wurden. Die Ekstase in einer profanen Welt, wo von Erlösung keine Rede mehr sein kann. Es handelt sich um die Kehrseite aller Versuche, Bilder in die heutige Welt zu setzen. Eine schwarze Romantik der Malerei. Vor kurzem habe ich in einem beiläufigen Text zu Herbert Brandls Bildern von der Bedeutung des Lichts geschrieben.
Inzwischen glaube ich mehr und mehr, dass die letzten Bilder, die wir hier sehen, ungefähr der Wahrnehmung entsprechen, die entsteht, wenn einem die stärksten Scheinwerfer ins Gesicht leuchten. Bis zum Erblinden kommt es zu verschiedenen Sensationen zwischen der Netzhaut und dem Gehirn.
Es ist ganz klar eine Malerei, die im Kopf entsteht, die wir bauen. Und sie spricht von extremen Phänomenen einer sinnlich erfahrbaren Welt. Sie betrachtet die dünne Membran, die uns von der Welt trennt. Diese ist nur durch Überhitzung wahrzunehmen. Gerstls Selbstportrait. Brus' Zerreissprobe. Gehört das noch in unsere Welt?
Und es bleibt dabei, dass wir das Bild als ein Ding vor uns haben. Ein beiläufiges Schmieren, das das Vermögen hat, bei uns im Hirn etwas herzustellen, was uns beschäftigt. Zwei Bewegungen, zwei Prozesse, sie verlaufen hier nicht unbedingt reziprok.
Nachdem wir mutmaßen, wie die Bilder entstehen, sollen wir eigentlich nichts von dem vermeintlichen Wissen für die Lektüre verwenden. Vielleicht sollten wir versuchen, uns unvoreingenommen in diese verschmierten Felder hineinzubegeben.
Vielleicht gibt es eine Lektüre für sich, weit über die Bedeutung hinaus. Wie funktioniert Musik? Weisses Rauschen, mit kleinen Abweichungen.

Aus: Herbert Brandl, Sezession Wien/Kunsthalle Basel, Wien, Katalog zur Ausstellung, 1999.Peter Pakesch ist Generaldirektor des Museums Joanneum und des Kunsthauses Graz