Julian Heynen
über Herbert Brandl

Die Bilder von Herbert Brandl sind ständig in der Gefahr, abzurutschen und wegzugleiten. Was in ihnen fließt und beiseite gewischt wird, ist nicht nur die Farbe. Es ist die Intention, das Bild zu malen, die sich hier – scheinbar – in der bloßen Handhabung des Materials vergisst.
Die Bilder stecken voller Zufälle, voller Unfälle. Sie sind rücksichtslos gegen sich selbst. Jeder Widerruf einer Pinselgeste bleibt sichtbar; und auch das Silberspray auf manchen von ihnen tötet nicht wirklich die Farben unter ihm ab, sondern verdeckt sie bloß notdürftig.
An einigen Stellen hat man den Eindruck, es weniger mit einem Bild als mit einem Malbrett zu tun zu haben: Die Grenze zwischen Arbeitsmittel und Produkt verschwimmt. Und wo endet diese Malerei, die mit ihren Bildträgern und –formaten unbekümmert Konventionen erträgt und doch häufig über die Ränder der Leinwand hinaus und um sie herumgeführt ist? Auch hier fließen die Dinge ineinander: Achtlose Spuren der Arbeit und Malerei sind nicht voneinander zu trennen. Und ohne Bedenken geben viele Bilder zu erkennen, dass sie beim Malen und vielleicht auch noch danach, ihre Orientierung gewechselt haben: Oben und unten, links und rechts stehen zur Disposition, sind im Malprozeß ebenso unberechenbare Momente wie die Farben und ihr Auftrag.
Einige Bilder haben eine geschlossene Oberfläche wie Beton; auf anderen liegen die Farben wie trübe Schleier hintereinander; manchmal antwortet dem Blick ein stumpfer Spiegel; anderswo wird die Erinnerung an geschundene Erde wach; dann wieder ein dunkles, klares Glühen aus dem Hintergrund, das gleißende Gelb des Lichts in vorderster Ebene oder wogendes Grün in illusionistischer Staffelung. Was aber in solch einer Aufzählung schon wie die Beschreibung von Motiven einzelner Arbeiten aussieht, tritt kaum je als isolierter Gegenstand eines Bildes auf. Vielmehr überlagern und widersprechen sich diese so unterschiedlichen Arten, die Farbe aufzutragen und in ihrer Textur, Räumlichkeit, Emotionalität oder Zeichenhaftigkeit zu entfalten.
Wenn die Bilder heute im Gegensatz zu früheren nicht wirklich buntfarbig sind, sondern zu einem Grundton tendieren, ist ihre Mikrostruktur doch von einer Vielzahl divergierender Farbimpulse durchzogen. Auch sie gehorchen keinem Kalkül, sondern einer Praxis der Absichtslosigkeit.

Aus Julian Heynen, "Niemandsland Kunst. Flucht in die Wirklichkeit" (Statement- Reihe), Verlag Lindinger+Schmid, Regensburg 2002

Julian Heynen ist Direktor des K 21 in Düsseldorf und war 2003 und 2005 Kommissar des deutschen Pavillons der Biennale von Venedig