Hans Ulrich Obrist
Gespräch mit Herbert Brandl

Das Interview findet zwischen den Geographien statt.

H.U.O.: Wo bist Du gerade?

H.B.: Zwischen Salzburg und Innsbruck.

H.U.O.: Peter Weibel sagte, die Idee zur aktuellen Ausstellung deiner Arbeiten sei ihm im Musée d'Art Moderne gekommen. Dort hätte er ein Bild von dir gesehen und gedacht, man müsse eine Retrospektive machen. Wie stehst Du zu diesem Begriff der Retrospektive?

H.B.: Die Ausstellung wird wahrscheinlich keine richtige Retrospektive. Mal sehen, was das wird. Peter Weibel und Christa Steinle, Direktorin der Neuen Galerie Graz am Landesmuseum Joanneum, haben zwei Bilder im Musée d'Art moderne de la Ville de Paris gesehen, die dort schon seit über einem Jahrzehnt ausgestellt sind. Beide waren ganz begeistert davon. Daraus hat sich dann die Idee dieser Übersichtsschau entwickelt. Der erste Teil der Ausstellung wurde bereits im Künstlerhaus eröffnet: Neue Bergbilder und Panoramen.

H.U.O.: Die Malerei und das Gebirge sind Punkte, die ich sehr interessant finde. Im Robert Walser Museum hattest Du eine Ausstellung mit dem Motto "Malerei am Gebirge". Deine Ausstellung in Graz beschäftigt sich mit dem Gebirge. Auch während wir dieses Interview machen, bist Du im Gebirge.

H.B.: Ja. Seit zwei Jahren ist bei mir eine "gebirgige Phase" eingetreten. Es fing mit unserer Tour auf den Säntis an. Ich hatte schon immer einen Hang zu den Bergen, wusste aber nicht, wie ich dieses Thema in der Malerei umsetzen sollte. Das Bergbild aus dem 19. Jahrhundert kann nicht als Vorbild dienen. Erst in den letzten zwei Jahren habe ich einen Überblick darüber bekommen, welche Bergbilder heute durch die Fotografie vermittelt werden und wohin sich die Ästhetik um den Berg entwickelt hat. Die Bergbilder, die ich heute male, male ich auch nach Bildern aus Hochglanzkatalogen oder Bergsteigerzeitschriften. Es sind Bergbilder ohne Titel. Das heißt, mich interessiert nicht, wie der Berg benannt wurde, sondern eher das Wesenhafte der Form des Berges. Der Prozess von der leeren Leinwand zum Berg auf die Leinwand ist für mich vielleicht das gespielte alpine Erlebnis (privat). Zudem herrschen in meinem Atelier minus 50 Grad im Winter und ich muss immer im Bergsteigeroutfit malen.

H.U.O.: Du gehst von Bildern aus Bilderdatenbanken aus. Wie findet die Übersetzung statt? Geschieht sie mittels Projektion?

H.B.: Nein. Das funktioniert nicht. Ich gehe immer spontan vor. Ich weiß zwar ungefähr, wo ich hin will, aber nicht wie. So gesehen male ich nie etwas ab, sondern ich lasse Farbveränderungen und Formveränderungen in Brandls Malerei zu und das über Jahrzehnte.

H.U.O.: Gebirgsbilder gibt es ja in der Pop Art und auch Gerhard Richter malte Gebirgsbilder.

H.B.: Ich bin mit der Pop Art und auch mit der Comic- und Broschürenkultur aufgewachsen. Für die Künstler der Pop Art war die Kontextverschiebung sicherlich aufregend. Heute ist das kein dramatischer Vorgang mehr.

H.U.O.: Ich habe auch festgestellt, dass die Formate deiner Bilder wachsen.

H.B.: Ich habe sie so groß gewählt. Damit bedeutet das Malen auch eine körperliche Anstrengung. Für mich wird das Erlebnis des Ausformulierens dadurch interessanter. Die neuen Bergbilder sind eigentlich Wände. Man kann sie deshalb auch frei in den Raum hängen und in diesen Dimensionen auch installativ verwenden.Die Größe spielt in dem Sinne eine wichtige Rolle und kann unendlich variiert werden. Sie spiegelt unter anderem das gerade Mögliche. Mittlerweile benutze ich gerne das größtmögliche Format, dass die Leinwandindustrie liefern kann. Ich möchte keine Naht und keine Teilung und keine Diptychonsituation. Oder Vergrößerung durch Aneinanderreihung.

H.U.O.: Sind deine Bilder eine Klettermetapher?

H.B.: Eigentlich nein. Obwohl ich andauernd von abrutschenden Farbmassen bedroht werde, kaum einen sicheren Standplatz zur Verfügung habe, gegen Hunger und Kälte kämpfe, sind das doch keine Klettermetaphern. Im Grunde genommen bin ich ein Bergseher und kein Bergsteiger.

H.U.O.: Du hast deine aktuelle Ausstellung in Graz als Installation beschrieben. Giovanni Segantini hatte im frühen 20. Jahrhundert für eine Weltausstellung in Paris die Idee, einen Berg installativ nachzubauen und dann frische Luft in das Zelt hineinzupumpen. Das Projekt wurde nicht realisiert, weil die Schweizer Hoteliers dagegen protestierten. Man munkelt, sie hätten Angst gehabt, dass niemand mehr in die Schweiz käme, wenn es möglich wäre, die Bergerfahrung in Paris zu machen. Von Segantini stammt auch der Satz: "Voglio vedere le mie montagne." Hat deine Ausstellung etwas mit Segantini zu tun?

H.B.: Und von mir stammt der Satz: "Voglio vedere le mie pitture." Und zwar in einem modernen Museum. Segantini ist klasse, aber auch in Österreich haben wir einen Panoramamaler, der sich im 19. und 20. Jahrhundert aus Liebe zu den Alpen niederließ. Theodor Frederic Compten, ein Ire, malte zum Beispiel in Tirol ein Panoramagebäude, um einen Einblick in die Alpenwelt zu geben. Das wurde aber bald wieder abgebaut und zerstört. Ich persönlich habe etwas Segantini-Artiges mit Heidulf Gerngross ausgebrütet. Er hat eines meiner Bergbilder als Vorlage für ein Architekturmodell genommen und plant, in Holland ein Berg-Disneyland zu bauen. Auf die Wand eines Hochhausblocks soll eine Mount Everest-Wand gemalt werden und in den einzelnen Etagen sollen Panoramen der großen Berge der Welt und Informationen dazu zu finden sein.

H.U.O.: Ein unrealisiertes Projekt?

H.B.: Ja. Aber es ist sehr weit ausgearbeitet und könnte eigentlich realisiert werden. Die Idee dahinter ist, die Leute von den Bergen fernzuhalten und ihre Sehnsucht nach dem Gebirge in einem Unterhaltungscenter zu stillen.

H.U.O.: Kannst Du deine Installation in Graz noch genauer erläutern?

H.B.: Der Ausstellungsraum ist eine Art Schuhschachtel mit einer Apsis und Oberlicht. Der Raum ist sehr dominant, deshalb habe ich drei große Bilder von der Decke abgehängt. Das höchste Bild ist 6 Meter hoch und hat damit Raumhöhe; das heißt, es geht vom Boden bis zur Decke. Die beiden anderen sind Querformate mit einer Höhe von 3,50 Meter. Als Besucher bewegt man sich zwischen den Leinwänden wie in einer Kulisse. An den Wänden sieht man kleinere Bergbilder. Das ergibt eine Landschaft, in der man spazieren gehen kann.

H.U.O.: Hier fällt wieder das Stichwort Spaziergang! Du spazierst beim Malen und auch der Betrachter spaziert.

H.B.: Genau. In einer Monet-Monographie ist mir dieser Aspekt auch aufgefallen. Seine Bilder sind wie Aufnahmen von den Momenten, in denen man beim Spazierengehen innehält, um die Aussicht zu genießen.